Soeben lese ich die Meldung, dass der Trauergottesdienst für die 69 identifizierten Opfer des Zugsunglücks in der Nähe der Ortschaft Urda nicht wie geplant am 12. November, sondern bereits am 10. November in der Kathedrale von Toledo stattfinden wird. Mit Rücksicht auf die Parlamentswahl am 29. November wollte das Protokoll des Königshauses den Abstand zum offiziellen Start der Kampagne um zwei Tage verlängern.
Ich war dabei, in einer Tageszeitung die Collage von Fotos der verunglückten Passagiere anzuklicken: Marie, Daniela, Carlos, Yassine, Fernando. In den Social Media kann man auch ihre Biografien nachlesen. Da ist von brillanten Karrieren die Rede, von einer Wissenschafterin, die an einer US-Universität unterrichtete; von einer Athletin, die neben dem Studium ihre ersten sportlichen Erfolge erzielt hatte. Das dazugehörige Foto zeigt sie bei einem Hürdenlauf – es geht mir besonders nahe, weil die junge Sportlerin Klassenkameradin meines Stiefsohns war.
In den Bildern sehe ich die Gesichter von Menschen, die für einen Schnappschuss in die Kamera lächeln und am 28. Oktober zufällig gemeinsam zwei Züge am Bahnhof Atocha bestiegen hatten, die in kurzem Abstand Richtung Sevilla abfuhren. Als kurz nach 8 Uhr ein Sicherheitssystem ausfiel, blieben die Garnituren in der Nähe von Toledo liegen. In der Leitzentrale Atocha brach Hektik aus.
Um den Stau und die Verspätungen nicht unnötig zu verlängern, entschloss sich der Fahrdienstleiter, den Betrieb ohne das Leitsystem wieder aufzunehmen. Im Funkspruch an den Zugführer der AVE-Garnitur gab er ihm die Erlaubnis, mit „normaler“ Geschwindigkeit loszufahren. Dass ein Zug der italienischen Betreiberfirma Iryo einige Kilometer weiter auf demselben Gleis stand und die Lokführerin vergeblich versuchte, ihren Zug wieder in Bewegung zu setzen, fiel ihm nicht auf. Rund 17 Minuten später kam es zur Kollision zwischen den beiden Zügen, der AVE prallte mit rund 180 km/h auf den stehenden Iryo. Bei diesen Geschwindigkeiten brauchen die Hochgeschwindigkeitszüge ein bis zwei Kilometer, um zum Stillstand zu kommen.
Noch am selben Tag meldete sich der verantwortliche Transportminister aus der Zugleitzentrale. Die ersten Ermittlungen deuteten auf menschliches Versagen hin, sagte Óscar Puente und kündigte weitere Erhebungen an. Tags darauf wurde der Funkverkehr zwischen der Leitzentrale und den Zügen in einer Tageszeitung veröffentlicht, die Gewerkschaftssprecherin der Fahrdienstleiter sprach von einer Hexenjagd und dem Versuch des Ministers, die Verantwortung auf einen Bediensteten abzuschieben.
Óscar Puente gehört zum Vertrautenkreis von Premierminister Pedro Sánchez. Einer seiner Vorgänger im Ministerium war José Luis Ábalos, der im November 2025 wegen Fluchtgefahr verhaftet und heuer im Juni vom Obersten Gerichtshof wegen Bestechlichkeit, Veruntreuung öffentlicher Gelder und Amtsmissbrauchs zu 24 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt wurde.
Das Vertrauen der Passagiere in das Hochgeschwindigkeitsnetz, das als Aufbruch Spaniens in das 21. Jahrhundert gefeiert wurde und auf einer Länge von 4000 Kilometern das Land quert, ist schon seit dem 18. Jänner erschüttert. Damals war auf derselben Strecke in der Nähe von Córdoba ein Iryo-Zug offenbar aufgrund eines Gleisbruchs aus den Schienen gesprungen, hatte einen entgegenkommenden Alvia der Renfe gestreift und zum Entgleisen gebracht. 46 Menschen kamen ums Leben.
Wie bereits im Jänner wies der zuständige Minister auch nach dem Unglück in Toledo die Verantwortung zurück. Er wolle sich auf die Aufklärung der Ursachen und die Verbesserung der Sicherheitssysteme konzentrieren, sagte Puente, was unter den Angehörigen der inzwischen 115 Todesopfer der beiden Unglücke für Empörung sorgte.
Vor zwei Wochen hatte der Anwalt und Schauspieler aus Valladolid seine Rolle als möglicher Nachfolger des Regierungschefs auf X kokettierend erklärt („ich stehe bereit, wo immer der Premier mich haben will“). Dem immer lauter werdenden Ruf der rechten Opposition, aber auch linker Weggefährten in den Reihen von Podemos, der katalanischen Linksrepublikaner und der neuformierten Frente Amplio nach seinem Rücktritt folgte Puente erst heute.
Regierungschef Pedro Sánchez hat nicht nur seinen Transportminister verloren. Innerhalb der letzten Wochen musste er auch auf seinen Regierungsbeauftragten in der Exklave Ceuta – er hatte den drohenden Flüchtlingsansturm Ende Juli nicht rechtzeitig nach Madrid gemeldet – und auf die Sprecherin seiner Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE), Montse Mínguez, verzichten. Sie hatte am Höhepunkt der Wohnungs- und Mietenkrise zugegeben, dass ihr Partner Besitzer von dreißig Immobilien ist.
Sánchez hat Puente als „pflichtbewussten Mitarbeiter und verantwortungsvollen Politiker“ verabschiedet. Wenige Stunden später ernannte er Wirtschafts- und Handelsminister Carlos Cuerpo zum Nachfolger. Der 46-jährige Cuerpo war von Sánchez erst kürzlich zum ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten bestellt worden und wird bis zum nahen Ende der Legislaturperiode auch das Amt des Transportministers übernehmen.
Dem Regierungschef fällt es immer schwerer, Ersatz für die personellen Abgänge zu finden. Die Reihen der treuen Begleiter – von der Opposition als Prätorianergarde bezeichnet – lichten sich.
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